Landleben.

Wenn ich drei Wochen draußen bin, wo der Mangel an Internet durch ein Übermaß an Seen und Obstbäumen ausgeglichen wird, überlege ich oft, ob ich hier leben könnte. Richtig leben. Für immer ohne Schienenersatzverkehr. Weil einfach nichts hin fährt. Vielleicht bleiben manche nur hier wohnen, weil es so schwer ist, wieder weg zu kommen. Drei Wochen lang kann ich das sehr gut aushalten. Vielleicht sogar vier oder sechs oder acht. Etwas abseits der Welt, artenreich und menschenarm. Irgendwann hätte ich alle Bücher gelesen, alle Sauerkirschen verkocht und auch überhaupt keine Lust mehr, Pilze sammeln zu gehen. Und dann?

Das Landleben sieht anders aus, als es Zeitschriften wie “Landlust” vermuten lassen. Niemand beschäftigt sich ernsthaft damit, aus Getreidehalmen Serviettenringe zu flechten. Zumindest niemand, den ich kenne. Allgemein werden auffallend wenig karierte Schürzenkleider getragen. Selbstgenähte zumal. Die Bauergärten, die immer so hübsch aussehen, ja? Noch nie einen gesehen. Die Bauern müssen jetzt nachts Trecker fahren, um das Getreide vom Halm zu holen. In echt hat hier kein Mensch Zeit. Außer den Urlaubern. Blumengestrüpp wächst unbeaufsichtigt vor sich hin, Äpfel werden reif und fallen runter. Geharkt wird auf dem Friedhof, und nur an hohen Feiertagen. Die Muße, die ich habe – die hat niemand sonst. Möchte ich ohne Muße hier leben?

Neben mir schläft mein Kind. Sein Schlafanzug ist gestreift, die Socken blau. Er schnarcht erkältet vor sich hin. Viel zu groß das Kopfkissen, das Bett und die Decke. Ich streichle kurz über seine sommerschwitzigen, weichen Haare. Doch, Leben ist einfach. Nein, viel mehr brauche ich nicht. Was draußen um uns herum ist, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Nur, dass wir beide zusammen hier sind. Oder woanders.

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