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Das bißchen Sonne.

Im Garten ist es wie im richtigen Leben. Die Kinder kommen nur kucken, ob das Essen schon fertig ist. Gestern konnte ich das erste Mal auf etwas zeigen und sagen: Das legen wir nächste Woche auf unsere Butterstullen! Die Gartenkresse nämlich. Dankbares Kraut! Ein bißchen Sonne, ein paar Kannen Wasser und viel guter Wille seitens der Kresse. Die Zuckererbsen zeigen Blatt, der Ruccola geht gerade auf, alle Himbeeren sind angewachsen. Einen Liebstöckel und eine Zitronenmelisse habe ich geschenkt bekommen. Das ist in unserer Nachbarschaft offenbar die übliche Neugärtner-Begrüßung. Alle haben das, und ich jetzt auch. Manchmal sitze ich auf meinem gelben Klappstuhl und staune Sträucher an.

Stullis für den Igel, Himbeeren für alle!

Der Kronsohn will nach dem Igel sehen. Das Nest ist leer. “Der Igel ist schon aufgestanden”, sage ich. Aufgestanden kennt der der Kronsohn. “Igel ausgeschlafen!”, kräht er wohlgemut. “Igel Stulli essen!” Dann reitet er auf seinem grünen Bobbycar davon. Ich sehe ihm nach und bewundere seine Umsicht.

Wenn der Igel Stullis will, müssen die Himbeeren aus dem Keller. Steht so oder so ähnlich in jedem Bauernkalender. Also alle raus. Willamette, Meeker, Schönemann, Glen Ample, Aroma Queen und Wildhimbeere. Es gilt, sechs Löcher auszuheben. Ich stelle fest, dass ich ausnehmend schlecht darin bin, Löcher in einer Fluchtlinie zu graben. Ich spanne eine Schnur. Der Kronsohn biegt um die Ecke und findet irgendwas doof. Ich fülle orange Brause aus der Flasche in das Kind. Ich kleckere. Oder er? Ach, bestimmt ich. Ich putze das Kind, schraube die Flasche zu und begradige die Löcherreihe. Das Kind miaut erneut. Mehr orange Brause. Ich schraube die Flasche zu. Sodann schaufle ich eine Lage Blumenerde in die Pflanzlöcher. Dabei ziehe ich mir des Kindes maßlosen Zorn zu. Ich habe seine kleine rote Schippe benutzt. Er will die nicht. Deswegen darf ich sie aber noch lange nicht haben. Wiederum fülle ich orange Brause in das Kind. Tränen und Flügelschlagen, weil ich die Flasche zuschraube. Wasser, denke ich angesichts des verheulten Kindergesichts. Ich brauche ja Wasser! Ich rufe den besten aller Hausmeister an. “Ja, nee – das Wasser im Garten wird erst nächsten Montag wieder angestellt.” Treppe hoch, Treppe hoch, ins Badezimmer, den Wischeimer füllen. Unterwegs bemerke ich, dass der Wischeimer leckt. Die schwarzen Tapsen … naja: die sind nachher bestimmt auch noch da. Treppe runter, Treppe runter. Jetzt aber schnell!

Als die erste Staude mit dem Wurzelballen im Wasser steht, legt sich die Gelassenheit der Gärtner auf mein Gemüt. Das Kind wollte lieber drin und bei Papa bleiben, Stulli essen. Ich habe doch noch zwei Eimer gefunden, die heil waren, und wässere darin der Reihe nach die übrigen Stauden, bevor ich sie in die Pflanzlöcher setze. Erde drauf, angießen, Sandhände am Hosenbein abklopfen. Mein kleines Obstspalier. Projekt Nummer eins. Häkchen dran. So stolz bin ich darauf, dass ich schnell noch eine Reihe Zuckererbsen davor lege. Wegen der Mischkultur.

Notiz an mich, betrifft: Kürbis.

Seit neuestem kennt mein kleines Kind eine Person namens ICH. Seit etwa der selben Zeit besteht es darauf, Dinge selber zu machen. Nur selten ordnet es an: Mama, helfen!

Im Grunde hat das Kind Recht. Selber machen ist König. Ich erinnerte mich an die Kürbiskerne im Baumarkt. Eingetütet und mit Preisschild versehen. Kürbiskerne, dachte ich den Gedanke zuende – viel zu selten kommt man dazu, auch mal etwas zuende zu denken, wahrscheinlich macht man deshalb so selten etwas selber – Kürbiskerne sind eigentlich Biomüll. Man muss die doch nur aus dem orangen Matsch rauspellen, trocknen und später im Garten verbuddeln. Es gibt exakt einen Grund, Kürbissamen im Baumarkt zu kaufen: Vergesslichkeit. Wer zur Erntezeit keine Kerne aufhebt, kann zur Saatzeit keine verbuddeln. Aber dieses Jahr ist Gartenjahr, dieses Jahr werde ich Kürbiskerne haben und nicht kaufen.

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Na gut, das stimmt nur so halb. Ich habe den kleinen, handlichen Hokkaidokürbis immerhin bezahlt und nicht etwa geklaut. Angelegentlich der heutigen Kürbissuppe habe ich ihn ordnungsgemäß entkernt. Eine Weile habe ich das Kürbisgekröse skeptisch betrachtet. Sieht immer aus wie Hat gut geschmeckt, brauchste nicht mehr kochen. Ich spiele auch viel weniger gerne mit orangem Matsch als ich das meiner Erinnerung nach früher tat. Vielleicht hätte ich das Kind fragen sollen, ob es mir hilft. Nicht ohne Stolz halte ich aber fest: Uns steht ausreichend Material zum Kürbisanbau zur Verfügung. Soviel sogar, dass ich überlege, nach vollendeter Trocknung Papiertüten drum herum zu machen.

Praktisch wäre es nun, wenn dieser Blogeintrag nächstes Jahr um die selbe Zeit bei mir anrufen könnte. “Hallo, ich bin´s, dein Februar 2013 – denk´ an die dämlichen Kürbiskerne!” Ob ich Siri darum bitte?

Auf die Zwölf.

Batsch! Mein Tag fängt an. Das Kind haut mir die leere Trinkflasche auf den Kopf. In seiner Welt bedeutet das: “Liebe Mutter! Ich bin wach und wäre geneigt, jetzt etwas Möhrensaft zu mir zu nehmen. Allein meine Arme sind zu kurz, um das Tetrapak zu erreichen, und ich kann auch noch keine Schraubverschlüsse öffnen! Es wäre daher überaus freundlich, Du gingest in die Küche und fülltest mir die Flasche.” Batsch! In einer 140-Zeichen-Welt hat er Heimvorteil.