Archiv der Kategorie: für Große

Berlin – Paris – Nantes

Im Reiseführer steht, in Frankreich hilft dir niemand weiter, wenn du nicht französisch sprichst. Die gleichermaßen schöne und liebenswürdige Busfahrerin am Flughafen wusste das vielleicht nicht. Ihr Lidstrich war beeindruckend, ihr Lächeln ausgeruht. Sie hat gesagt, sie käme auf dem Weg zur Champs Elysee auch am Gare Montparnasse vorbei. Auf englisch hat sie das gesagt. Das hat mir geholfen. Und der Mann, der mir mein Abendbrot verkauft hat, fand es auch gar nicht schlimm, mir seine Frage in zwei Sprachen stellen zu müssen. Schlimmer fand er es, dass ich die Quiche wirklich lieber kalt essen wollte. Auf der Cola, die er mir dazu gegeben hat, steht Charles. Wie der ewige Prinz. Ob das ein Zeichen von Missbilligung ist? Falls ja, dann ein sehr dezentes. Am allerbesten hat mir aber der Schaffner im TGV von Paris nach Nantes gefallen. Kein Mann, sondern ein Herr. Grau, Haare wie Anzug, groß und so dünn, dass alle seine Sachen aussahen, als gehörten sie jemand anders. Dafür hatte die Strickjacke, die er darunter trug, die selbe Farbe wie die Sitzpolster des Zuges. Dunkles Rosa. Auch wenn ich weiß, dass das Teil eines Corporate Designs ist: Es war das einzige Kleidungsstück, das gut zu ihm passte. Seine Mütze war nicht die strenge, militärische Schirmmütze. Er trug eine weiche Schiebermütze, wie sie Imkern oder Gärtnern gut steht, oder vierjährigen Lausebengels. Pascal stand auf seinem Namensschild, und ich hätte gerne gewusst, ob das der Vorname oder der Familienname war. Monsieur Pascal. Der gebrauchte kaum Worte, ein bißchen merci vielleicht, etwas Kopfnicken dazu. Und doch war er sehr freundlich, wenn er die Leute über seinen Brillenrand ansah, etwas in sein Fahrscheindruckmaschinchen tippte oder sich Ausweise zeigen ließ.
Mein Reiseführer hat wirklich keine Ahnung von Frankreich und den Franzosen. Ich werde ihn wohl irgendwo unterwegs liegen lassen und lieber richtige Menschen fragen. Clarisse vielleicht, die uns heute und morgen ihre Couch zum schlafen überlässt.

Statt Land: Fluss. Der Volkspark Rehberge

Nur schnell einen Schluck Landschaft, dachten wir. Ein bißchen Weite zum Schweifen. Einmal durch´s Laub rennen, bevor der Berliner Premium-Herbst vorbei ist. Keine Zeit, die Stadt zu verlassen. Keine Lust, zuhause zu bleiben. Fluss wäre schön, Kanal ginge auch. Ein See vielleicht?

Der Volkspark Rehberge im Berliner Wedding ist wie der Stadtforst der nächstgelegenen Kleinstadt. Mittendrin stehen doppelt eingezäunt ein paar Mufflons und ein bißchen Federvieh, am Kanal wird geangelt und im Stadion läuft ein Bezirksligaspiel. Dazwischen sind Alleen mit Bäumen so hoch, dass kein Himmel mehr bleibt, wilde Wiesen und jede Menge Bänke. Die Kleingärten drum herum sind je nachdem, wie man selbst ist, entweder spießig oder eine Ansammlung lustiger Einfälle, weitgehend aber zwergenfrei.

Volkspark Rehberge

Für die Ausflugsplanung:

Volkspark Rehberge
Windhuker Straße 52A
13351 Berlin

Bus 221 (Haltestellen: Transvaalstraße oder Otawistraße)

Wieder was gelernt: Saatgutvermehrung.

Ich weiss jetzt, was zwischen mir und ökologischer Landwirtschaft steht: Die Abwesenheit von Zeit. Ich habe von nahezu allen Blütenständen Samenkapseln abgenommen. Die standen dann kopfüber in verschiedenen Behältnissen überall rum. Seit Juni ungefähr. Ein Strauß vertrockneter Bartnelken, der mit den Blüten nach unten in einem Kochtopf steht, sieht gar nicht mal so schön aus. Der stört auch durch einfaches Blödrumstehen. Ja klar, der Kram muss trocknen. Aber doch nicht monatelang! Als Anfang September das liebe Kind krank war, hatte ich überraschend Zeit für unsinnige Tätigkeiten wie Papier schneiden, anmalen, kleben. Hab ich gemacht. Und eingetütet, was einzutüten ging. Ringelblume, Mohn, Lupine, Bartnelke, Koriander, Hornveilchen. Ich bin gespannt, ob das funktioniert. Versuch macht kluch.

Constanze Guhr: Mein wunderbares Gartenbuch

Es ist eigentlich ein Winterbuch, das Constanze Guhr da geschrieben und überreichlich mit Collagen, Zeichnungen, Bastelbögen und Fotos ausgestattet hat. Der Winter ist die Zeit des Pläneschmiedens. Der Garten erholt sich von uns, wir erholen uns von ihm. Aber nicht lange können wir so untätig sitzen. Also überlegen wir, planen, wälzen Kataloge, bestellen dies und das. Wir lesen Gartenbücher als Zeichen unserer Vorfreude und unseres guten Willens, im nächsten Jahr alles besser zu machen. Das ist der Moment, für den „Mein wunderbares Gartenbuch“ gemacht wurde.

Es regt an, einfach mal etwas zu probieren – etwa, einen eleganten Komposthaufen zu bauen. Oder auch hinzunehmen, was man nicht ändern kann. Den Maulwurf. Es ist, obwohl das drauf steht, kein Ratgeber im herkömmlichen Sinne. Constanze Guhr erklärt nicht, wie man Obstbäume schneidet. Sie schubst uns nur auf den richtigen Weg: Lern das mal, denn Du möchtest das wissen! Es gibt Kurse dafür, es gibt Baumschulen. „Mein wunderbares Gartenbuch“ zeigt, welche Betätigungsfelder ein Garten eröffnet. Beim Rasenmähen singen wäre mir vermutlich nicht eingefallen. Oder einen Abendsitzplatz zu gestalten. Ich weiß, seitdem ich das las, dass ich gerne einen hätte. Es sind Rezepte dabei, Bastelkram, Spiele, Bauanleitungen, Gartenwissen – alles zusammen eine Anstiftung, die Stunden draußen zu genießen.

Das Buch orientiert sich deshalb auch nicht an den Jahreszeiten, sondern an Themen und Tätigkeiten. „Anfangen im Garten“ hilft nicht nur Neugärtnern, es fasst die Fragen zusammen, die sich in jedem Frühjahr stellen. Ein Blumenkapitel ist enthalten, eines über Gemüse, Kräuter, Obst, Gartentiere. Aber eben auch eines über Kinder im Garten, draußen essen und schöner leben.

Das Blog zum Buch war eine zeitlang sehr still, wird aber offenbar weitergeführt. Der Besuch lohnt sich. Das Buch auch.

Constanze Guhr: Mein wunderbares Gartenbuch
100 Ideen für mehr Gartengenuss
Gerstenberg 2011
19,95 EUR

Pankower Gartensuppe.

Unlängst hat mir eine Puppenspielerin die Geschichte von der Steinsuppe erzählt. Na gut – in Wahrheit hat sie sie meinem Kind erzählt. Aber ich habe viel lauter gelacht! Steinsuppe beginnt mit einem Stein und Wasser im Suppentopf. Dann kommt dauernd wer vorbei, der es besser weiß, und fügt der Suppe etwas hinzu. Am Ende ist der Stein zwar immer noch nicht weich, aber die Suppe ist ein fröhliches Allerlei und schmeckt hervorragend. So eine Art Suppe habe ich heute gekocht, bloß ohne Stein. Ich hatte keinen. Dafür mit

Kartoffeln,
Kohlrabi,
Mangold,
Wachsbohnen,
Mohrrüben,
Tomaten,
Zuccini und
Suppengrün.

Nichts davon war genug für ein eigenes Gericht, aber alles zusammen schmeckt überraschend gut.

Gemüse putzen, würfeln, mit Pfeffer und Salz kochen. Wem das zu vegetarisch ist: Speckwürfel auslassen, darin Mehl anschwitzen, mit der Gemüsebrühe ablöschen. Ein Schluck Schlagsahne kann dazu, muss aber nicht. Das Gemüse wieder dazugeben. Fertig! Passt gut zum Ende vom Sommer, zum Anfang vom Herbst und immer dann, wenn grad Gemüse übrig ist.

Véronique Witzigmann: Das Marmeladenbuch

Ich besitze nur wenige Rezeptbücher, denn der sinnlichen Erfahrung Essen werden sie mehrheitlich nicht gerecht. Sie sind entweder nicht appetitlich gestaltet, zu kompliziert in der Durchführung oder ich habe die Zutaten gerade nicht zur Hand. Ich verarbeite, was in meinem Garten so anfällt, oder in den Gärten anderer Leute. Wozu mir nichts einfällt, das kommt in den Rumtopf. Wofür ich zu faul bin, das kommt auch in den Rumtopf. Die Erntezeit ist fast vorbei, mein Rumtopf ist groß und schwer, es passt auch langsam nichts mehr rein.

Die Äpfel, die jetzt reif werden, die Birnen, Quitten, Pfirsiche – soviel Rumtopf schafft kein Mensch. Das Marmeladenbuch von Véronique Witzigmann kam mir da gerade recht. Ein hübsches, schmales Buch im klassischen Insel-Bücherei-Stil. Ich nehme es mit in den Garten, setze mich auf die Bank und schlage Seite 80 auf: Der Apfel. Mit Tomate und Thymian, zum Beispiel. Erfreulicher Weise wächst beides neben meinem Apfelbaum. Genau jetzt.

Den Rezepten vorangestellt ist ein allgemeines Kapitel, in dem die wichtigsten Grundsätze des Einkochens erklärt werden. Wie man Einweckgläser sterilisiert, wie Gelierzucker funktioniert, welcher Fruchtaufstrich wie lange haltbar ist und was eigentlich Pektin ist. Am Ende des Buches hilft ein Register, dem vorhandenen Obst ein passendes Rezept zu finden.

Für ungefähr jedes Obst meines Garten gibt es mal schlichte, mal aufregende Marmeladenvarianten. Erdbeeren mit rosa Pfeffer – oder wie gewohnt mit Rhabarber. In der gartenobstlosen Zeit kann sich, wer möchte, an den Exoten versuchen: Mangos, Lychees, Bananen, Ananas oder Passionsfrüchte. Alle Rezepte sind übersichtlich dargestellt und verständlich beschrieben. Marmeladekochen mit Véronique Witzigmann ist ein bißchen mehr als Obst kleinschneiden, mit Gelierzucker auffüllen und 3 Minuten kochen – aber auch nicht so schwierig, dass mich schon beim Lesen der Mut verlässt. Alles klingt machbar, und ich möchte mir dauernd Marmeladenstullen machen.

Daran hat die Illustratorin Kat Menschik einen nicht geringen Anteil, die auch den Umschlag gestaltet hat. Das Obst auf ihren Zeichnungen sieht so saftig aus, die Gewürze duften so verführerisch, dass man riechen und schmecken kann, was für eine Marmelade das gibt.

Für Himbeeren mit weißem Pfirsich ist es in diesem Jahr schon zu spät, auch Schwarzkirschen mit frischer Minze müssen wohl bis zum nächsten Sommer warten. Aber Apfel mit Walnuss schaffe ich sicher noch. Ich freue mich sehr darauf!

Véronique Witzigmann: Das Marmeladenbuch
Insel Verlag Berlin 2014
16,00 €

Blumen für die Damen.

Mein Hausmeister sagt, ich soll die Rabatte ruhig leer pflücken. Denn ohnehin beabsichtige er einen Kahlschlag. „Aber die Herbstanemonen!“, jaule ich. „Ich brauch‘ die nicht. Ihr Frauen wollt doch sowas immer haben. Nimm mit!“, entgegnet mein Hausmeister.

Es ist nicht so, dass er ein Feind der Pflanze ist. Und obwohl er bestreitet, dass Männer Blumen brauchen, und er schon gar nicht, kümmert er sich darum, dass immer welche da sind. Eigenhändig hat er eine japanische Zierkirsche gepflanzt und pflegt sie mit Hingabe. Damit wir uns recht verstehen: Eine japanische Zierkirsche kann überhaupt nichts. Sie trägt bloß ein rosa Blütenschaumkrönchen, im Frühjahr.

Mein Hausmeister hat’s einfach gerne aufgeräumt auf dem Gehöft. Über den Sommer ist der Frauenmantel verblüht, der Schachtelhalm über die Ufer getreten, die Zierquitte hat den Gehweg erobert. Dazwischen siedeln die unglücklichen Anemonen. Ich pflücke wie geheißen einen Strauß und hoffe zugleich, dass die Aufräumarbeiten doch noch ein bißchen auf sich warten lassen.

Was über Berge

Ein Berg fängt für mich erst dann an, ein Berg zu sein, wenn er aussieht wie ein Berg. Also mit nackten Felsen, kahl, kalt, schroff, mit Schnee ganz oben, abweisend und lockend zugleich. Ich will in die Berge. Die Berge waren schon immer da. Ganz stimmt’s nicht, aber doch beinahe. George Mallory hat auf die Frage, warum er unbedingt den Everest besteigen wolle, geantwortet: „Because it is there.“ Weil er eben einfach da ist. Halte diese Antwort für hinreichend. Ich beneide die, die jeden Tag Berge sehen können.

Schönen Urlaub, liebe @klappstulli! (23)

Kurz nach sieben. Die Handtücher draußen auf der Leine sind klamm. Tau gegen Morgensonne. Tau gewinnt. Ich gehe zum Steg runter. Die Füße ins Wasser, das Skizzenbuch auf dem Schoß. Der Frühnebel zieht eben weg. Vom Zeltplatz kommen Leute, erst die älteren, danach gleich die Familien. Alle wollen noch schnell schwimmen gehen, bevor der Tag anfängt. Die Kinder springen ins Wasser. Mit Anlauf. Der letzte Sommerferientag. Morgen früh werden die Gäste ausgetauscht, morgen früh müssen wir packen und nach Hause zurück. Deshalb muss heute länger dauern als sonst. Deshalb muss heute einfach früher anfangen. Ehrlich, ich kann die Leute gut verstehen, die morgens um sieben schwimmen gehen.