Archiv des Autors: Steffi

Gute Nacht, @klappstulli! (31)

Meeresstille. So heißt das Haus gegenüber. Das Meer weiß davon nichts. Ich höre die Brandung bis hier drüben auf dem Balkon. Laut und gleichmäßig. Drüber hängen tief die Sterne. Aus meinen Hosentaschen, aus meinen Augenbrauen rieselt feiner Sand. Ich ziehe die Jacke fest zu und halte mein Gesicht in den Wind.

Gartenlogbuch August.

Der Garten Ende August ist dunkelgrün und voll. Wie groß Pflanzen werden können, habe ich im Frühjahr unterschätzt. Während im Juni und Juli nur das Beerenobst für den Nachtisch und ein bißchen Salat gewachsen sind, beginnt jetzt die Haupterntezeit für richtiges Essen. Alles mögliche ist gleichzeitig reif. Die Buschbohnen sind fast schon durch, Mangold, Kräuter und Tomaten wachsen laufend nach, Kartoffeln dürfen raus, Sellerie und Porree auch. Die Kürbisse haben noch Zeit, ebenso der Wein. Gelegentlich finde ich eine Erdbeere, aber die sind eher wie das angeleckte Gummibärchen aus der Sofaritze.

Ernten ist wie Aufräumen. Macht nicht so´n Spaß wie ich dachte. Die Blumensträuße sind schon alle, nach und nach wird der Garten jetzt leer.

Ich schmeiß einfach alles hin und werde Kartoffelbauer.

Linda. So heißt meine Kartoffelsorte. Mitte April habe ich ein paar davon in den Boden gesteckt und mich nicht weiter drum gekümmert. Mitte Mai waren die ersten grünen Blätter zu sehen. Ich habe einen Sack Erde darauf geschüttet und mich weiterhin nicht drum gekümmert. Jetzt ist September, und ich mache mir ein bißchen die Fingernägel schmutzig, weil ich die fertigen Kartoffeln ausgrabe und vom Garten in die Küche trage. Dankbareres Gemüse gibt´s im ganzen Garten nicht. Beim Abschälen erhebt sich der Verdacht, ich hätte mich jahrelang von konzentriertem Wasser in Kartoffelgestalt ernährt. Der bestätigt sich nach dem Kochen. Tatsächlich haben Kartoffeln Geschmack.

Gute Nacht, @klappstulli! (30)

Ich vermisse die leuchtenden Hochsommerhimmel früh am Morgen, die hellen Abende, die Nächte mit offenen Fenstern. Ich räume die leichten Seidenkleider weg und kaufe den Kindern neue Gummistiefel. Das große Blühen hat aufgehört. Ich muss nicht mehr jeden Abend gießen und pflanze schon für nächstes Jahr. Wir werden Brombeeren schmecken. Das wird schön!

Wenn, dann so.

Wir unterhielten uns neulich über die Dächer, auf denen wir an Schornsteine gelehnt saßen, an sonnigen Nachmittagen, am liebsten aber nachts. Im Sommer roch die Dachpappe nach Teer. Split bohrte sich in die Handflächen. Erstaunlich, dass nie jemand über die Rinne gegangen ist. Nicht einmal zu Silvester. Ich weiß nicht, ob ich heute noch durch schmale Dachluken klettern würde, wenn über mir nur der Himmel ist, nichts zum Festhalten und der Rucksack voll Bier.

Die Dachsitzerei hat aufgehört. Die Dachböden begannen, jemandem zu gehören. Sie sind gut gesichert gegen Ideen. Manchmal, ganz selten, gehören sie einem, den ich von früher kenne. Oder wenigstens einem, der den Schlüssel hat. Es geht nicht mehr unterm Gebälk durch mit Leitern zum Fenster hinaus, sondern mit dem Fahrstuhl bis ganz oben, wo es vollverglast und terrassiert ist. Wo runde Kieselsteine auf schmalen Wegen liegen. Vielleicht stehen sogar Stühle da, Tische, Schirme. Es gibt Weißweinschorle aus Gläsern mit dünnen Stielen. Kein guter Ort für ein Bandfoto. Aber ein weißer Hut sähe sicher sehr schön aus.

Ich vermisse nicht das Halsbrecherische der Dächer meiner Jugend, aber ihre Möglichkeiten. Mit Dachpappe unterm Arsch kann ich mir praktisch alles vorstellen. In Liegestühlen kann ich nichts anderes als liegen. Jaja, und die Aussicht. Mitten in meinem Lied der alten Leute, die mit Veränderung nicht klar kommen, unterbricht mich ein Freund. Er schickt ein Foto. „Ey! Kuck mal. Ist alles da, sieht nur anders aus“, sagt das Bild. Es zeigt einen Dachgarten mit Säulenäpfeln, Stachelbeeren, Kohl, Paprika und Chili. Mit allen Omagartenblumen drin: Mädchenaugen, Rittersporne und Cosmeen. Mit Sechziglitersäcken Erde, Gießkannen und Besen, weil ein Garten niemals fertig ist.

 

Danke, @maxheadroom für die beste Mittagspause seit langem! Und danke Hannah, die das alles gemacht hat und hoffentlich weiterhin macht.

Na, seid ihr auch alle so gerne erwachsen?

Das mit dem Austoben: Das sollten wir viel öfter machen.

Gute Nacht, @klappstulli! (29)

Der Beton ist ganz warm. Ein heftiger Windstoß, und vor mir flattert die Plane. Ich sehe vom Balkon aus auf die Kreuzung. Sommergewitterluft. Ein Wolkenbruch. Schwere, große Tropfen. Mit einem Mal ist es dunkel und kalt. Zwei Radfahrer, kurzärmelig, die Köpfe tief über die Lenker gesenkt, beeilen sich, nach Hause zu kommen. Eine Frau drückt den Blumenstrauß, den sie eben gekauft hat, fest an sich. Alle Autos fahren mit Licht. Vor einem Laden tritt jemand in eine Pfütze, die eben noch nicht da war.

Die Straßen sehen frisch gewaschen aus. Die Regentropfen werden feiner, gleichmäßiger. Vor der Balkonbrüstung steht die Platane wieder still. Nur ihre zarten Zweige ganz oben beben noch nach. Dann hört es auf zu regnen. Wolken, weiß auf weiß, mit leuchtenden Rändern, türmen sich über der Stadt.

Gute Nacht, @klappstulli! (28)

Ein Krokodil in Frauenkleidern, die Augen halb geschlossenen. So fläze ich auf dem Liegestuhl und blinzle in die Sonne. Wenn ich denke, die Haut wird zu trocken, stelle ich mich unter einen kalten Wasserstrahl. Dann lege ich mich wieder hin und döse. Ich bin ein Sommertier. Ich könnt‘ das ewig aushalten.

Gute Nacht, @klappstulli! (27)

Das Lieblingsmädchen hat heute Geburtstag. Elfriede. So nennt sie ihr Papa, obwohl sie ganz anders heißt. Er meint damit, dass er sie lieb hat. Trotzdem lieb hat. Es steckt immer ein bißchen seufzende Kapitulation darin, wenn er sagt „Na gut, Elfriede. Ich gehe nochmal runter in den Keller und hole dir dein Laufrad.“ Er hat sich gerade hingesetzt und wäre ganz gerne sitzen geblieben. In solchen Momenten heißt Elfriede ganz besonders nachdrücklich Elfriede.

Wir feiern also Elfriedes Geburtstag. Ich hab‘ ihr was ausgesucht. Das liegt auf einem großen Bogen Geschenkpapier. Ich schneide das Papier zu. Einmal rumwickeln, die Kanten gerade schneiden, die Enden nach innen umschlagen, sauber falten. Das Papier raschelt. Ich nehme nur ganz wenig Klebeband. Zwei Päckchen, ein großes und ein kleines. Ich freue mich diebisch. Elfriede, kleine Koboldfee! Wir werden Buntstifte brauchen!

Gute Nacht, @klappstulli! (26)

Müsste man mal. Das denke ich häufig, in letzter Zeit, und bin dann aber viel zu matt und schläfrig. In dem himmelblauen Planschbecken müsste man aber wirklich mal das Wasser wechseln. Dann wäre da frisches Wasser drin. Käferfrei. Ohne Sand, Blätter und Grashalme. Doch, das wäre schon gut. Ich stelle mir klares, kaltes Wasser vor. Ich bin gleich etwas weniger matt und schläfrig. Also Stöpsel raus. Es sickert. Es dauert. Ich denke an klares, kaltes Wasser und werde ungeduldig. Ich fange an, Wasser auszuschöpfen. Ich versuche, das Becken umzukippen. Das Becken ist aus Gummi und leistet Widerstand. Ich schöpfe weiter. Ich versuche noch einmal, das Becken umzukippen. Das bleibt zu schwer, und ich glaube, im Baum sitzt ein Eichhörnchen und kichert. Ich schöpfe mich in Rage. Die einzige, die etwas davon hat, ist Ritas Hecke. Da gieße ich das ganze Wasser hin. Irgendwann ist alles leer. Ich klaue Daniel einen Schlauch vom Rasensprenger und spüle den Sand aus dem Becken. Jetzt sehen wir beide aus wie frisch geduscht, das Planschbecken und ich. Einer von uns allerdings mit Klamotten. Bißchen verkommen. Ich lege den Gartenschlauch ins Becken und sehe dem Wasser beim Einlaufen zu. Dann stelle ich meinen Klappstuhl davor und tauche die Beine bis zu den Knien ein. Klares, kaltes Wasser ist das Beste überhaupt.