Archiv des Autors: Steffi

Werden. Vergehen. Leuchten!

Der Herbst hat unfassbare Farben. Pink, rosa, rot und orange beherrschen den Hof, und kurz, bevor sie runterfallen, sind die Blätter am schönsten.

Einer, der das anders sieht, ist mein Sohn. Er ist mit dem Herbst nicht einverstanden. Er findet das sehr unordentlich mit dem ganzen Laub am Boden. Die Blätter gehören an die Bäume, sagt er und möchte wissen, ob ich das nicht reparieren könne. „Die wachsen wieder“, versuche ich ihn zu überzeugen. „Ganz von selbst, im nächsten Frühjahr.“ Er glaubt mir das aber nicht. Vielleicht, weil er sich „nächstes Frühjahr“ noch nicht vorstellen kann.

Pflanzenwissen archivieren

Es gibt Momente, in denen sich unvermutet das Universum auftut. Eine kleine, freundliche E-Mail, und zack! haste Erkundungspläne für tausend Tage.

Ich schrieb unlängst an die Rheinische Gartenarche. Das ist ein Verein aus Köln, der Obst- und Gemüsesorten aus der Region erhalten möchte. Das Prinzip ist einfach. Wer einen Garten oder eine geeignete Nutzfläche hat, übernimmt die Patenschaft für eine Pflanzensorte. Mit der Patenschaft geht die Verpflichtung einher, diese Pflanze über eine bestimmte Zeit hinweg anzubauen, zu vermehren, Saatgut zu gewinnen und an andere weiterzugeben. Der Pflanzenpate beobachtet sein Pflänzchen und macht sein Wissen zugänglich.

Wozu das gut ist? Versucht mal, Bamberger Hörnchen zu kaufen! Oder Teltower Rübchen! Es gibt sie kaum noch. Für den industriellen Anbau sind sie nicht geeignet. Es sollte sie trotzdem geben. Das wird bestätigen, wer mal Bamberger Hörnchen auf dem Teller hatte. Oder Teltower Rübchen.

Ich wohne leider nicht in der Kölner Gegend und fragte deshalb zaghaft an, ob ich trotzdem mitmachen darf, und ob es Vergleichbares auch in Berlin und Brandenburg gäbe. „Schauen Sie sich doch mal auf der Seite des VERN e.V. und bei Social Seeds aus Berlin um. Natürlich kann ich Ihnen gerne eine rheinische Sorte in die Hauptstadt schicken“, schrieb mir Frau Eschmann.

VERN e.V. steht kurz für Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen und macht in Brandenburg, was die Gartenarche im Rheinland unternimmt. Nur in groß. VERN hat einen eigenen Lehrgarten, unterhält ein Saatgutarchiv, verfügt aber auch über ein dichtes Netz an Schau- und Lehrgärten in ganz Brandenburg. Saatgut historischer Sorten kann über die Webseite bezogen werden, Jungpflanzen gibt es im Frühjahr im Direktverkauf. Außerdem bietet VERN e.V. Kurse zum Thema Saatgutvermehrung an.

Für alle, die es eine Nummer kleiner mögen: Social Seeds e.V. arbeitet mit VERN e.V. zusammen und hat sich der Kulturpflanzenvielfalt in den Berliner Gemeinschaftsgärten verschrieben. Einer der bekanntesten ist der Prinzessinnengarten am Moritzplatz. In Gemeinschaftsgärten kann sich engagieren, wer keinen eigenen Garten hat und dort gemeinsam mit anderen auf verschiedensten Wegen zur Erhaltung der Pflanzenvielfalt beitragen.

„Melden Sie sich einfach nochmal, wenn Sie wissen, wie Sie weiter vorgehen möchten“, schloss Frau Eschmann ihre Mail. Ich denke, ich weiß das jetzt. Ich möchte die Patenmutti einer Bohne aus dem Rheinland werden und lernen, wie man Saatgut ordnungsgemäß vermehrt. Ein paar alte Sorten aus den Beständen des VERN e.V. schaden meinem Garten sicher auch nicht. Den Gartenpodcasts des kommenden Jahres sage ich bizarre Wendungen voraus. Damit kommt ihr aber klar, oder?

Gartenlogbuch September

Im September hat mein Garten fast keine Sonne mehr. Die Quitten, deren Blüten ich im April fotografiert hatte, sind jetzt reif. Ein paar davon habe ich mit in den Birnensaft gegeben. Feldsalat und Spinat habe ich Anfang September ausgesät. Angeblich überwintern beide und haben dann im Frühjahr einen Wachstumsvorsprung. Ob das stimmt, sehen wir dann so ungefähr im Mai 2014. Könnt ihr schon soweit denken? Ich nur schwer. Eine meiner Himbeeren scheint sich am Wetter nicht groß zu stören und trägt immer noch, ebenso die Monatserdbeere. Der Kapuzinerkresse ist das Wetter auch ziemlich piepe. Ähnlich unverwüstlich ist der Mangold, den ich auch noch mindestens einmal ernten kann, dieses Jahr. Ob die beiden Kürbisse noch etwas werden, kann ich nur schwer abschätzen. Wenn nicht, liegen sie eben rum und sehen hübsch aus. Auch der Lavendel hat immer noch frische Blüten. Außerdem habe ich eine Blume, deren Namen ich nicht kenne: Zartlila Blüten, aber gar keine Blätter. Sieht beinahe wie ein Krokus aus. Kennt die einer und kann mir sagen, was das ist?

Weil ich vorgestern die Tulpenzwiebeln gesetzt habe und mir im Gegensatz zu Atze, dem Eichhorn nicht merken kann, wo die liegen, habe ich Schilder dazu gebaut. Aussortierte Esslöffel, Tuschfarbe, Sprühlack. Prima Idee – nicht von mir, sondern aus dem Buch „Meine Gartenwerkstatt“ von Thekla Ehling und Judith Drews.

Berliner Pflanzen

„Berliner Pflanzen – Das wilde Grün der Großstadt“ heißt ein handtaschenhandliches Buch, das mir Regine im Frühjahr geschenkt hat. Seitdem ich es habe, sehe ich überall Pflanzen, die schon immer da waren, mir aber nie aufgefallen sind. Rucola zum Beispiel, auch als Rauke oder schmalblättriger Doppelsame bekannt. Berlin ist voll mit Rucola! War euch das klar? Mir nicht.

Äpfel und Birnen

Im Hof vor meinem Küchenfenster stehen ein Apfel- und ein Birnenbaum. Wenn ich das Fenster auf oder zu mache oder einfach nur daran vorbei laufe, sehe ich Obst, das keiner haben will. Die Äpfel sind klein und säuerlich, die Birnen sind erst hart und grün, dann gelb und mehlig. Zwischen gelb und grün sind sie auch mal kurz süß und saftig. Diesen Moment abzupassen, gelingt aber fast nie. Gutes Kompott-Obst, aber wer isst denn heute noch Kompott? Saft, dachte ich. Man müsste Saft daraus machen. Wie schwer kann das sein?

Alle Gebrauchsanleitungen, die ich im Netz gefunden habe, schienen davon auszugehen, man besäße eine Streuobstwiese und wolle sich mit der Produktion von Apfelsaft selbstständig machen. Einen Dampfentsafter, eine Saftpresse, ein 175-Liter-Fass – sowas habe ich nicht. Will ich auch nicht. Oder jedenfalls nicht, bevor ich einen Landsitz mit Großküche mein eigen nenne. Ich habe nicht mal einen Schnellkochtopf. Was ich aber habe, ist eine Facebookgruppe, die ganz erstaunliche Dinge weiß.

„Äpfel und Birnen schneiden, Gehäuse raus, mit etwas Wasser weich kochen. Durch ein Tuch seihen. Schraubglasflaschen bereitstellen, den Saft erhitzen, heiss einfüllen, zudrehen – fertig.“

Das war die präzise Antwort, die ich fünf Minuten nach Fragestellung bekam. Das klang machbar, selbst für mich. Die Schalen dürfen dran bleiben, hieß es. Dadurch ist die Schnippelei überschaubar, und mit ihr der Zeitaufwand.

Für eine kleine Menge Obst, die mal eben weg muss, ist das ein völlig praktikables Verfahren. Unter „klein“ verstehe ich etwa 5-10 Kilo Äpfel und Birnen, oder was in euren größten vorhandenen Kochtopf passt. Bei der Obstmischung gilt es zu bedenken, das Birnen im Vergleich zu Äpfeln ein geradezu geschmackloses Obst sind. Sie gleichen aber die Säure der Äpfel ganz gut aus. Man braucht sehr viel weniger Wasser als man glaubt, und Zucker ist überhaupt nicht nötig. Weil die Küche nun schon mal klebrig war, habe ich noch Traubensaft gemacht. Eigene Ernte und keine Südseite – dem wiederum hätte etwas Zucker wohl nicht geschadet.

Für Liebhaber ist der Teil des Experiments, bei dem die Pampe durch das Tuch gequetscht wird. Das ist wie mit beiden Händen in warmes Apfelmus fassen. Widerstehlich. Zum Abfüllen habe ich eine Karaffe benutzt, und bei den Flaschen habe ich mich für welche mit Bügelverschluss entschieden. Das war das teuerste an der ganzen Saftherstellung. Die sind dafür mehrfach verwendbar, wenn man sie nicht verschenkt oder verbummelt.

Ein Entsafter wird wahrscheinlich trotzdem eines Tages fällig, weil die Vitamine bei der Kocherei alle kaputt gehen. Der kalt gepresste Saft wird dann „nur“ pasteurisiert, also auf 72 Grad erhitzt. Weil kein Wasser dazu kommt, dürfte das aromatischer sein.

Atak: Der Garten

Es gibt Bücher, die erst funktionieren, wenn man sie gedruckt in Händen hält. Zu denen gehören unbedingt alle, die der Berliner Künstler Atak illustriert hat.

Unsterblich geworden ist er für mich spätestens 2002 mit „Atak vs. Ahne„. Ein wildes Spiel aus Typografie, Ornamenten, Zeichnung, Collage und Malerei, zusammengehalten durch die absurd-komischen Texte von Ahne und das längliche Format von Comic-Strips in Tageszeitungen. Dreht man „Atak vs. Ahne“ falsch herum und blättert durch die Rückseiten, fällt man peng! unvermittelt in ein tintenblaues Paralleluniversum mit Rehen, Superhelden und einem Boxkampf. Ein Buch wie eine Punkrockband. Allerdings eine, die ihre Instrumente beherrscht. Seither freue ich mich jedes Mal, wenn ich den Arbeiten von Atak begegne. Ich erkenne sie von weitem schon an ihren Farben, den ungestümen Zeichnungen und beharre darauf, sie als Papierbuch zu kaufen. Weil ich das anfassen kann. Und umdrehen.

Ganz anders als in meiner Erinnerung sieht Mark Twains „Der geheimnisvolle Fremde“ mit den Illustrationen von Atak sinnlich und märchenhaft aus. Darin findet sich auch das erste Mal die verschwenderische Fülle der Landschaft, die mir an seinem neuen Buch „Der Garten“ so gefällt. Wo der Garten in dem Mark-Twain-Buch Andeutung oder Hintergrund bleibt, bekommt er nun endlich Platz und eine Hauptrolle.

Ich saß als Kind gerne im Garten meiner Urgroßmutter. Altmodische Blumen standen darin, großblütig und leuchtend. Von den meisten weiß ich die Namen nicht, gewiss waren Pfingstrosen, Mohn und Nelken darunter. Dunkelblaue Weintrauben wanden sich bis unter die Dachrinne der Laube. Ein Dickicht aus Himbeersträuchern. Klaräpfel und schwarze Kirschen. Zwar hat meine Urgroßmutter mit strenger Hand Beete und Wege angelegt, allein die Pflanzen hielten sich nicht daran. Immer sah der Garten aus, als wollte er über seine Ufer treten. Ich bin morgens darin verschwunden und erst mit der Abenddämmerung wieder aufgetaucht.

Genau so ist dieses Buch. Ein prachtvoller Garten, den ich staunend durchstreife, den Mund halb geöffnet. Sachte berühren meine Fingerkuppen eine geschlossene Blüte. Ich atme einen Sommermorgen ein. Ich wandere einen schmalen Pfad entlang, Gestrüpp zu beiden Seiten, sammle Hasel- und Walnüssen in meine Jackentasche. Die Luft wird dünner und kühler. Und dann ist das Jahr zu Ende, denn Zeit vergeht. Die Christrose blüht, die Tanne trägt Schnee. Der Garten aber vergeht nicht. Er schläft nur in der Winterstille.

Mein aufmerksames Kind sieht mir beim Umblättern zu. Es betrachtet jede einzelne Blume auf dem Vorsatzpapier und entdeckt dort ein Eichhörnchen. Später zeigt mir das Kind eine Eule, einen Eichelhäher, ein Kaninchen und einen Buntspecht. Eine Schaukel, die quietscht. Ein fetter, grüner Frosch springt aus dem Teich. Eine Frau, die badet, wie das Kind glaubt. Eine Katze zum streicheln. Da, ein Baum, auf den man klettern kann! Es ist, als hätte er Buch umgedreht und die andere, die zweite, die laute Geschichte gefunden. Spätestens jetzt hätte ich ohne Blick auf den Umschlag gewusst: Das Buch hat Atak gemacht.

Atak: „Der Garten“ erschien 2013 im Kunstmann Verlag. Für alle, die den Sommer noch ein bißchen festhalten wollen. Und für ihre Kinder.

Auch mal den ganzen Lorbeer ernten.

„Ach, du hast Lorbeer im Garten?“, wunderte sich meine Mutter. „Erfriert der nicht im Winter?“ Dass Mütter immer alles besser wissen! Wieder so eine Sache, die ich nicht bedacht hatte. Mein erster Lorbeer, mein erster Garten, mein erster Winter mit Garten. Das Internet sagt, bis minus 8 Grad hält der Lorbeer aus. Schlechte Aussichten für den Lorbeer in Berlin. Dann ernte ich den jetzt mal, dachte ich. Bevor er eingeht. Sobald es kalt genug für heiße Suppen ist, kann ich Lorbeer gut gebrauchen.

Die anderen Kräuter, die so in den Beeten rum standen, habe ich gleich mit rein genommen, gebündelt und zum Trocknen an die Fenstergriffe gehängt. Richtig schön sieht das nicht aus. Freaky vegane Hexenküche, rückstandsfrei kompostierbar. Es riecht aber ganz gut.

Kann irgend jemand Bohnenkraut von Thymian unterscheiden? Und Thymian von Zitronenthymian? Auch und insbesondere, wenn das Zeug getrocknet und klein geknibbelt ist? Ich nicht. Deshalb habe ich kurzerhand noch einen Schwung Etiketten gebastelt. Könnt ihr euch mitnehmen. Wer möchte, klaut seinen Kindern die Stempel und macht noch hier und da ein Eichhörnchen drauf.

Das ist ein Liebesbrief.

Mein Lieblingscomicladen ist mein Lieblingscomicladen, seit ich in Berlin wohne. Das ist ziemlich lange. Länger als ich verheiratet bin. Vorher hatte ich einfach keinen Comicladen. Vorher kannte ich fast gar keine Comics außer den Abrafaxen. Auf den Dörfern gibt’s nicht so viel.

Mein erstes Lilian-Mousli-Heft, Stray Cats, habe ich im Groben Unfug in Kreuzberg gekauft. Beides, weil Johnny Häusler im Radio davon erzählt hatte. Radio gab’s auch bei mir auf’m Dorf. Grober Unfug war ein Ladenname, der mir so gut gefiel, dass ich ihn jahrelang als Korrekturbemerkung an den Rand von Klausuren schrieb. Von Lilian Mousli hatte ich noch nie etwas gehört. Die wollte ich sehen, und die gefällt mir heute noch. David Macks Kabuki hat mir gezeigt, was Comiczeichnen bedeuten kann. Kreide, Holzschnitt, Aquarell – er hat keine Arbeitstechnik unversucht gelassen. Fil, Didi & Stulle mit dem lustigsten Dialog, den ich je las: Harley Davidson. An Katz & Goldt zweifelt ohnehin niemand. Mawil, Uli Lust, Tim Dinter, Reinhard Kleist, Guy Delisle, Atak. Der Grobe Unfug hat eine Tür aufgemacht, und ich bin einfach durch gegangen. Ach, dachte ich neulich, als ich Flix‘ Faust gelesen habe, das darf man mit Literatur machen? Das ist großartig, warum wird das nicht in Schulen unterrichtet? Womöglich läsen es die Kinder mit Vergnügen.

Der Laden in Mitte ist umgezogen, ich war ewig nicht dort. Bis vor drei Tagen. Um ein Geschenk zu kaufen für ein Kind, das nicht den Umweg über die Disney-Müllkippe nehmen soll. Mein erster Blick fiel auf ein Buch von Atak. Ein Gartenbuch! Ey, Grober Unfug, dachte ich, lass uns zusammen alt werden!

Eintopfwetter.

Er macht sehr stolz, der Gang durch den Garten, in der Hand einen Korb voller Gemüse. Sandig zwar, und gelegentlich hat wohl auch mal eine Schnecke probiert, ob es schon gut ist. Porree, Knollensellerie, Kartoffeln, Buschbohnen, Bohnenkraut, blauer Kohlrabi. Selbst gezogen, gegossen und vom Unkraut befreit, den ganzen langen Sommer über. Das alles trage ich jetzt in meine Küche. Weil von keiner Sorte so richtig viel da ist, wird daraus Suppe. Stolz, denke ich, gehört unbedingt mit auf der Liste der Gewürze, die in keiner Küche fehlen dürfen.