Archiv des Autors: Steffi

Gute Nacht, @klappstulli! (6)

Die dünnen, grünen Schoten sind über Nacht bauchig geworden. Ich reiße eine ab. Ihr Stiel zieht einen Faden an der Unterseite. Mit dem Daumennagel öffne ich die Hülse. Fünf unregelmäßige, hellgrüne Kugeln sind darin, fast noch durchsichtig. Ich lasse sie auf meinen Handteller gleiten. Die Hand strecke ich dem Kronsohn hin: „Kuck, das sind Erbsen! Willste probieren?“ Er nickt, sein Mund wird ein O. Das O ist ein bißchen feucht und nicht ganz sauber. Das O beugt sich über meine Hand und saugt die Erbsen ein. Ein klebriger Kinderkuss. Er kaut. „Mehr!“, verlangt er. Ich pflücke mehr Schoten ab. Wir setzen uns nebeneinander auf die Gartenbank. Ich puhle meinem Sohn Zuckererbsen aus, und er isst sie alle so wie die ersten. Der Vormittag ist mild. Ich habe das Gefühl, ich bin hundert Jahre alt. Oder ich werd´s, wenn ich jetzt einfach so hier sitzen bleibe.

Gute Nacht, @klappstulli! (5)

Die Holzbank unter der Birke. Der Lüfter summt, der Kaffee dampft. Ich denke nach und tippe was. Manchmal auch umgekehrt, aber das lösche ich dann gleich wieder. Oskar setzt sich dazu. Oskar sagt erstmal nichts. Er kuckt nur und wartet, den Kopf schräg, die Augen rund. Er wippt ein bißchen. Oskar hat immer Hunger. Großen Hunger. Als hätte er etwas nachzuholen. Großfamilie, und um jeden Krümel musste man sich balgen. Oskar ist der heruntergekommenste Spatz von ganz Berlin. Mager, zerpflückt und mit einer kahlen Stelle am Hals. Ich habe ihn halbe Brötchen wegschleppen sehen, er hat kein Gramm zugenommen. Ich überlege, ob ich ihm eine Stulle schmieren soll. Soviel Zeit hat Oskar nicht. Er haut ab, verspricht aber, später wiederzukommen.

Ich tippe weiter. Schreiben, lesen, denken, löschen, von vorne anfangen. Eine flinke Bewegung, die ich nur aus dem Augenwinkel wahrnehme. Ein Hauch orange auf der Bank mir gegenüber. „Hey, Atze!“ sage ich zu Atze. Atze sieht dermaßen überrascht aus, dass ich wünschte, ich hätte nichts gesagt. Ihm fallen alle seine Hölzchen und Stöckchen runter. Verdammt! Den Eichkater erschreckt. Er sammelt sich und seinen Kram wieder ein, springt beherzt in ein Beet voll Frauenmantel und rennt die Birke hoch.

Als der Igel hinter mir anfängt zu niesen, beschließe ich zu gehen. Großraumbüros. Ich kann so nicht arbeiten.

Menschmaschine.

„Daniel?“ – Ich flipfloppe meinem Hausmeister entgegen. „Daniel, ich müsste mal Hecke schneiden.“ Daniel kuckt skeptisch an mir runter und auf auf das Thermometer und in den wolkenlosen Himmel. „Biste sicher?“

Nee. Bin ich nicht. Ich habe noch nie Hecke geschnitten. Ich hatte noch nie Hecke. „Naja. Ja. Muss ja. Sieht ja sonst doof aus.“ Alle benachbarten Hecken sind akkurat frisiert wie Omas zum Sonntagstanztee. Meine ist der Königspudel mit dem verbeulten Krönchen. Daniel trägt sein Hausmeisterhandtuch über der Schulter und hat die ersten Arbeiten des Tages längst hinter sich. Er wischt sich den Schweiß aus dem Nacken. Daniel hat jetzt Kaffeepause. Er seufzt. „Wenn du meinst. Wir treffen uns in einer Viertelstunde hinten!“

Hinten ist seine Werkstatt. Das Zuhause aller Gartengeräte. Ich erinnere mich an die Werkstatt meines Vaters. Ein verstaubtes Durcheinander aus Handschuhen, nie paarweise, Verlängerungsstrippen, aufgerollte und andere, Pinseln, versteinert in Weckgläsern mit Resten von Lack, Kaba-Büchsen und Keksdosen, gefüllt mit Schrauben und Nägeln. Ein einziges „ich mach gleich weiter“. Sägespäne, Motoröl, Lösungsmittel und ein Schluck Benzin. Papa-Parfüm. Das ist, was ich erwarte, wenn eine Werkstatttür aufgeschlossen wird.

Was ich nicht erwarte, sind aufgeräumte Regale, ein sauberer Fußboden und etwas zu finden, ohne danach zu suchen. In Daniels Hausmeister-Werkzeugschuppen gibt es nichts Überflüssiges. Nur das, was gebraucht wird, in exakt der richtigen Stückzahl. Es ist die erstaunlichste Werkstatt, die ich jemals betreten habe. Da steht ein Rasenmäher neben einer Schubkarre, und beide sind benutzbar, ohne dass ich zuvor einen Hänger, einen Bollerwagen, drei Kisten, einen Eimer und zwölf lehmverkrustete Gartengeräte wegräumen müsste. Kein „kann man bestimmt nochmal brauchen“. Nirgends ein „Ich stell´s nur kurz hier hin“. Handschuhe. Ein rechter, ein linker. Gleichgroß und in derselben Farbe. Ich kann mich gar nicht satt sehen.

Daniel trägt ein Kabel von dem für das Kabel bestimmten Platz nach draußen und rollt es aus. „Na, dann nimm´ du dir mal die Heckenschere!“. Ich stehe immer noch andächtig staunend im Schuppen. Ich würde gerne meine Kinder vorbeischicken. „Jungs, kuckt genau hin. So ist aufgeräumt! Nicht, was ihr immer macht.“ Ich greife nach der Heckenschere und verstehe augenblicklich. Ein Griff, zwei Schalter, eine Schutzabdeckung und zwei Reihen blitzender Messer. Im Ganzen einen guten Meter lang. Ja, die sieht geradezu zierlich aus, wenn Daniel damit arbeitet. Der ist schätzungsweise einsneunzig und hat ein Kreuz von Format. Es ist riesiges, schweres Mistding in meinen Händen, außerdem habe ich Angst vor Strom.

„Von unten nach oben. Außenkante schneiden. Orientier dich an den Randsteinen! Dann oben schneiden. Einmal anschrägen. Ganz zum Schluss die Innenseite. Wenn´s komische Geräusche macht, einfach hier los lassen – geht sofort aus. Es sollte kein Finger dazwischen kommen, und pass auf mein Kabel auf!“ Daniel macht die ersten Schnitte. Sauber und glatt. Gut sieht das aus. Ich möchte das auch können! Neugierde schlägt Furcht. Jedes Mal. Ich ziehe kurz Luft und werfe die Heckenschere an. Zwei lange Schnitte. Zweige und Blätter spratzen in die Luft, fallen zu Boden. Die Heckenschere brummt, meine Arme vibrieren. Ich bin etwas zwischen Terminator und Robocop. Es ist großartig. Ich setze wieder an. Von unten nach oben. Meine Hände beginnen zu zittern. Nochmal. Mehr kleingeraspeltes Zeug fliegt rum, ich treffe einen größeren Ast. Die Heckenschere geht aus. Ich bin R2D2 und habe keine Lust mehr, aber es sind immer noch vier Meter übrig. Ich hab vergessen, in welcher Reihenfolge ich die Schalter drücken muss, damit das Ding wieder angeht. Die Schnitte werden kürzer, die Bewegungen schwerfällig. Zwei Meter noch. Endlich am Nachbarszaun. Ich bin Miep. Das Schiefe da hinter mir, das ist meine Hecke. Ich bin komplett durchgeschwitzt und möchte in den Boden einsickern.

„Für´s erste Mal ganz gut“, nickt Daniel, als ich mit allem fertig bin. Später am Abend ergänzt er den Satz. „Aber im Herbst machen wir dit nochmal richtich!“

Gute Nacht, @klappstulli! (4)

Kurz nach dem Mittag, wenn sich die Hitze auf jede Bewegung legt. Alles steht still, sogar die Luft. Meine Stirn glänzt sommersalzig, die Hände kleben. Ich taumle erschöpft in ein kleines Ladengeschäft. Vorder- und Hintertür sind geöffnet, ich kann von der Straße bis in den Hof sehen. Ein Lufthauch, der eine Haarsträhne löst. „Mango“, sage ich, „und Erdbeere, bitte!“ Fein säuerlich und so kalt, dass die Zähne weh tun. Ich will reinbeißen. Mach ich auch. Die Waffel kracht, das Eis zerfließt auf meiner Zunge.

Jetzt knutschen, denke ich, auf den Lippen noch den Geschmack von Mango. Jetzt knutschen, und es wär´ perfekt.

Gute Nacht, @klappstulli! (3)

Abenddämmerung. Eine Amsel im Flieder. Bevor ich rein gehe, schneide ich eine Handvoll Kräuter ab. Borretsch und Pimpinelle, die beide nach Gurke riechen. Kerbel, ein feiner Anis-Duft. Pfefferminze, der man nicht zu nahe kommen darf, weil die in der Nase kitzelt. Zitronenmelisse, frisch und sauber, mit einem Hauch Seife. Sauerampfer, beeindruckend geruchlos. Am Schluss ein paar Stiele Dill. Mein Lieblingsmädchen hockt neben mir am Boden und sieht zu. „Was ist das?“, will sie wissen. „Dill“, sage ich. „Dill“, wiederholt sie bedächtig, „Dill riecht nach lecker.“

Gute Nacht, @klappstulli! (2)

Das Wasser sprudelt krachend in die Kannen, tropft dabei auf meine nackten Füße. Ich hebe beide Gießkannen gleichzeitig an, die Schultern gespannt, der Rücken gerade. Die Erde vor mir ist staubtrocken und hart. Da soll was wachsen. Ich will, dass da was wächst. Rote Bete, grüne Bohnen. Das Wasser sickert in den Boden, satt und dunkel. An ein paar Stellen bleiben kleine Pfützen stehen. Ein feiner Sprühregen auf den silbergrünen Blättern der Erbsen. Ruccola in sattem Dunkelgrün. Das zarte Gefieder des Dills zittert. Tropfen prallen auf die ledrige Haut der Rhabarberblätter. Leuchtend rot die Erdbeeren, noch nicht ganz reif. Morgen. Morgen ist auch noch ein Tag.

Gute Nacht, @klappstulli! (1)

Mordssonnenuntergang. Kein Bild. Grau, blau, orange und lila. Für jeden was dabei. Zweifach Glas. Fensterkreuz. Ein Flieger stößt zwischen den Wolken durch. Schweres Bleigrau steht gegen lichtes Blau. Immer noch nicht dunkel. Die Umrisse von Antennen auf dem Dach gegenüber. Hinter mir macht meine Wohnung Geräusche. Der Backofen summt. Ein Kind schnieft. Gelegentlich fährt ein Auto die holprige Straße entlang. Es riecht, wie ein Zuhause riechen soll: Nach frisch gebackenem Brot. Auf dem Tischchen neben mir liegt mein Strohhut. Schlafenszeit!

Das habe ich gestern auf Twitter geschrieben. Die @klappstulli hat sich Gute-Nacht-Geschichten gewünscht. Für Große. Für alle Tage. Ob ich jeden Tag eine schaffe, weiß ich nicht. Aber die Idee mag ich: Einen winzigen Moment des Tages genau ansehen, ausschneiden, aufkleben.

Zuckererbsenprinzessin.

1) Ganz gleich, wieviele Zuckererbsen im Garten stehen: Sie werden niemals ausreichen.
2) Wo „Ich pflanz´ das nur zum Naschen!“ endet, beginnt die Arbeit. Das geht Hand in Hand mit dem Gedanken „Ich möchte davon so viel haben, dass ich mich daran satt essen kann.“ Probiergrößen oder Landwirtschaft?
3) Ruccola ist anstrengend und im Grunde Hasenfutter. Sehr hübsches allerdings. Aber hübsch sind Hasen ja auch.
4) Mangold ist ein viel zu guter Salat, um sich bei mir je zum Gemüse auswachsen zu können. Was schade ist – Mangold ist ein großartiges Gemüse.
5) Radieschen gehören gebraten.
6) Zuckererbsen gehören gebraten.
7) Langweilige Maultaschen aus´m Supermarkt kann man ungeheuer aufwerten, indem man ihnen vernünftiges Gemüse und frischen Salat an die Seite gibt.

Das ist, was ich heute gelernt habe. Ich finde, das genügt. Mahlzeit!

Da haste den Salat!

Nachdem ich das Nebelthau´sche Salatkapitel gelesen hatte, ging ich, den Kopf voller appetitlicher Gedanken, in meinen Garten. „Kuck“, dachte ich, „der Salat. Der ist doch schon gut! Größer wird der sicher nicht mehr.“ Bevor der Regen einsetzt, rasch zwei davon geernet, und dazu ein paar Kräuter. Thymian, Schnittlauch, Basilikum. Waschen. Trocken tupfen. Cidre aus dem Kühlschrank nehmen. Eingießen. Trinken. Derweil die Kräuter mit dem Wiegemesser fein hacken. Senf, Rotweinessig, Öl in einem Schüsselchen verrühren, Pfeffer und Salz dazu, genau wie´s im Buch steht. Feststellen, dass dem Rezept Honig fehlt (Herr Nebelthau: Es fehlt Honig! Mir jedenfalls.) Honig dran. Über den Salat fließen lassen. Umrühren. Die Kräuter darüber streuen. Essen. Die Augen schließen. Überwältigt sein.

Seitdem verstehe ich die Schnecken in meinen Beeten. Wenn das Salat ist, möchte ich bitte als Schnecke wiedergeboren werden! Auch wenn´s ein höchst gefährliches, vermutlich kurzes Leben ist.

Während sich gestern Abend ganz Berlin in seine schönsten Kleider warf, um das eine Konzert zu hören, das man in diesem Jahr auf keinen Fall verpassen durfte, habe ich mehr Salat gesät und kleine, neue Salatpflänzchen zwischen das restliche Gemüse gesetzt. Niemals wieder wird mir ein gekaufter Salat schmecken.

Die Aussichten für die nächsten Tage

Es wird Essen geben, denn alle meine Pflanzen sind größenwahnsinnig. Die heutige Kräuterbuttervariante enthält Gartenkresse, Thymian, Bohnenkraut, Rosmarin, Ruccola, Minze, Salbei, Knoblauch, Pimpinelle, Koriander und Salz. Die Minze schmeckt etwas verwegen. Gefällt.