Archiv des Autors: Steffi

Sommers bei Mama.

Draußen am Giebel des Gartenhäuschens hängen zwei Töpfe neben einer Gießkanne. Davor steht eine grüne Emailleschüssel auf einem Holzblock. Zum Händewaschen. Die Kartoffeln auf der Kochplatte waren vor einer Viertelstunde noch in der Erde, die Gurken hat sie im Durchdengartengehen gepflückt. Drei Sorten Kräuter: Dill, Petersilie und Bollenpiepen. Das ist Zwiebellauch, der heißt hier so. Wir sitzen unter einer Bauplane. Manchmal knallen Mirabellen drauf. Die sind reif und platzen dann. Die Plane hilft gegen Sonne und Mirabelleneinschläge. Mehr könnte ein Dach auch nicht, und keine Gastwirtschaft hat je frischeres Essen serviert. Ich bewundere  Menschen, die sich auf das Wesentliche konzentrieren. Und ich liebe meine Mama.

Icke, 16.

Ich war leider schon zu cool für Roxette. Nur zwei Jahre wahrscheinlich. Ich bedaure das sehr, denn es ist solide vorgetragene, hochanständige Popmusik. Und sogar aus Schweden! Das würde ich von den Stock-Aitken-Waterman-Produktionen, die meine Popmusik bestimmten, so nicht sagen. Die waren ja noch nicht mal aus Schweden. Ich fand zu der Zeit, als die anderen Roxette gehört haben, lieber langhaarige Männer gut. Mein Freund spielte Schlagzeug und Saxophon. Weil er wirklich, wirklich cool war: Sopran-Saxophon. Nicht so eins wie das, mit dem Candy Dulfer so megalässig aussah. Nee. So´n kleines. Als Gitarre wär´s eine Ukulele gewesen. Und eben Schlagzeug. Ich brauchte den Lärm. Der Soundtrack zum Genervtsein, wenn du 16 bist. Statt Anschreien. Bißchen Bombast, bißchen Kitsch und harte Männer mit soften Schnulzen. Einen eigenen Musikgeschmack habe ich mir erst später geleistet. Und da kam dann zum Glück Kurt Cobain.

Achso: Hat nur 60min. Ist ne Ostkassette. Die schwarze mit dem gelben Aufkleber, die so komisch gerochen hat. Der Recorder hieß Anett, der Sound war entsetzlich.

A

Queen: I’m Going Slightly Mad – 4:22
Der Tod von Freddie Mercury war vor allem deshalb so unfassbar, weil Superhelden einfach nicht sterben.

Eurythmics – Love Is a Stranger – 3:40
Das ist natürlich älter, aber durch die Greatest Hits 1991 wieder ins Kassettendeck gefallen. Frauen mit Krawatte kann man nicht nicht lieben. Ich jedenfalls nicht.

Metallica – The Unforgiven – 6:27
Mit dem schwarzen Metallica-Album habe ich Master of Puppets eigentlich erst entdeckt. Dafür danke ich dem schwarzen Metallica-Album.

Guns N Roses – You ain´t the first – 2:36
Hier, Slash. So wär ich als Typ gewesen. Wo die Kippe ist, ist vorne.

Van Halen – Top of the World – 3:54
Mein Papa hat mir eine Van-Halen-Kassette geschenkt, als ich ungefähr 10 war und Modern Talking gut fand. Heute kann ich ihn gut verstehen.

Marillion – Splintering Heart – 06:54
Ich hab Bombast gesagt. Also nicht Fish, sondern Steve Hogarth. Geht heute nicht mehr, musst du 16 für sein. Und selbst dann …

The Pogues – Dirty old town 2:53
Das ist möglicherweise mein Lieblingslied. Also: Für immer. Es war schon immer da und geht immer mit. Ich kann´s sogar pfeifen. Aber meistens muss ich dann lachen.

B

Neil Young – Sugar Mountain – 4:59
Ich weiß, ich weiß. Falsche Zeit. Wir haben das selbst gespielt, 1991. Jammer-Neil. Große Liebe. Ich weiß seitdem, dass ich eine entsetzliche Sängerin bin, aber überhaupt gar nicht Gitarre spielen kann. Das war sehr traurig.

Nirvana – Smells like Teen Spirit – 5:01
Meilenstein der Musikgeschichte. Wenigstens meiner.

Extreme – More than Words – 5:40
Nuno Bettencourt sah aus wie ein Indianer. Nee, er sah aus wie wir uns einen Indianer vorgestellt haben. Wir wussten ja nicht, dass es Native American heißt und Pierre Brice nur ein Schauspieler war. Meine beste Freundin zog nach Texas, und das hatten wir dann davon: Extreme.

AC/DC – The Razors Edge – 4:22
Mein erstes Konzert überhaupt, aber erst 1996 in der Deutschlandhalle. The Razors Edge war das 1990er Album. Geht immer noch runter wie´n kaltes Berliner vom Fass.

Aerosmith & Run DMC – Walk this way – 4:03
Schon damals alt, und das sogar doppelt. Das habe ich auch zu allen Zeiten geliebt, und die Schuhe trage ich bin heute so. Wenn ich das Video sehe, denke ich jedesmal: Wenn Koksen so´ne Bauchmuskeln macht, weiß ich nicht, was diese Ananas-Diät in der Brigitte da bewirken soll.

Steve Vai – For the Love of God – 6:02
Geschummelt, weil schon aus dem Vorjahr. Bin ich lange mit rumgelaufen, wäre 91 auch noch auf jeder Kassette gewesen.

Was ich 1991 noch nicht wusste war, dass ich Kim Deal und Pixies entdecken würde. Das dauerte noch gut sechs Jahre. Trompe le Monde ist aber tatsächlich auch von 1991. Auf einem heute angefertigten 91er Mixtape wäre die eine Hälfte nur Pixies, die andere … na, auch. Alec Eiffel jedenfalls. Hidden Bonustrack. Nur im Internet.

Ohne zu bezahlen.

Mit dem Schüsselchen (wem von euch gehört das eigentlich? Seit irgendeinem Hoffest wohnt’s bei mir.) runter in den Garten, eines Sträußchens Thymian wegen. Die Tomaten sind heute wirklich reif, ich nehm die mit. Rucola für mich. Die letzten Erdbeeren für den Kronsohn. Thymian für die Polenta. Es kommt mir immer noch wie geklaut vor, wenn ich ohne zu bezahlen damit in meine Küche schlurfe. Mal ein bisschen gießen, aber mehr habe ich nicht dafür getan, dass ich das alles mitnehmen kann.

Eventuell Tomaten.

Es sieht aus, als wollten die Tomaten dieses Jahr reif werden, und nicht wie sonst von grün direkt zu fauligbraun wechseln. Überhaupt ist nur noch ernsthaftes Gemüse im Garten: Kartoffeln, rote Bete, Spitzkohl und Kohlrabi. Für Eintopf ist es aber noch zu warm. Das Kindernaschwerk – Beeren, Kirschen, Aprikosen – ist längst verspeist.

Zwiebeln für den Winter.

Ich habe etwas sehr schönes geschenkt bekommen: Eine Handvoll Steckzwiebeln. Was an denen so besonders ist? Die produzieren sommers und winters kleine Zwiebelchen. Ich habe noch nie gesehen, dass das aus der Blüte heraus passiert, aber ich hatte bisher auch keine Zwiebeln im Garten. 

Sommerspaziergang.

Wie spät im Jahr es schon wieder ist, sehe ich, wenn ich durch den Garten gehe. Die ersten Brombeeren sind reif, der Fenchel steht mannshoch und bunter wird´s dieses Jahr wohl nicht mehr. Allerdings könnt´ mal jemand vorbeikommen, den Rasen mähen. Der wächst wie bescheuert, weil es abwechselnd warm ist oder regnet. Statt eines Nistkastens sollte ich vielleicht lieber einen Bienenstock hinstellen. Genug Bewohner hocken in allem was blüht.

Blaulicht.

Ich erinnere mich, wie ich da stand und nicht wusste, was an den Beetrand passen könnte. Eine Tüte Saatgut aus dem Nachbarsgarten war noch übrig, und wir beide, die Nachbarin und ich, meinten, es sei Mohn. Die Kapseln waren schon trocken, die Blüten nicht mehr erkennbar, als wir geerntet haben. Sieht kein bisschen nach Mohn aus, was daraus gewachsen ist, aber schön ist es doch. Kennt das wer?